Künstler und grosse Namen in Müngersdorf

Dr. Reiner Speck

Der Sammler Reiner Speck mit Proust und Petrarca im „Haus ohne Eigenschaften“


Ein Leuchtfeuer der Kultur entfacht

 

Text: Kurt Schlechtriemen

Fotos: Ute Prang | Dr. Speck Literatur Stiftung

 

Beitrag in BlickPunkt 22 | 2013

Die Besuchergruppe des Bürgervereins Müngersdorf stand erwartungsvoll vor dem Haus am Kämpchensweg, dem Domizil der „Bibliotheca Reiner Speck“ mit der „Dr. Speck Literaturstiftung“, eingeladen von dem Mediziner und Kunstsammler Doktor Reiner Speck, um sich dessen Bücherschätze zu Francesco Petrarca und Marcel Proust, nicht zuletzt auch das Gebäude zeigen zu lassen.
Jeder der Wartenden weiß, dass der Gastgeber mit langem Atem seit Jahrzehnten Kunstschätze vielerlei Art sammelt. Seine Ausdauer stellte er auch heute unter Beweis. Waren zunächst zwei Führungen beabsichtigt, so erwies sich, dass sogar drei Gruppen gebildet werden mussten, denen der Hausherr in einem Marathon sowohl das Gebäude als auch seine erlesenen, in über fünfzig Jahren erworbenen Bücher-Kollektionen zeigte. 
Engagiert referierte Reiner Speck eingangs über das Haus, das seit 2012 zwei bibliophile Teile seiner Bibliothek beherbergt, über dessen Erbauer, den, man darf sagen, weltberühmten Müngersdorfer Architekten Oswald-Mathias Ungers, welcher hier 1996 sein Idealbild des Bauens verwirklichte. Es ist die „Vorstellung von Architektur als Manifest, inspiriert von Vorbildern wie Palladio und Schinkel, ohne Rücksicht auf Bewohnbarkeit“, so der Hausherr Speck, der indes nicht seine Zuversicht verhehlt, hier dennoch heimisch zu werden.


Keine Spuren des Alltäglichen
Die formalen Vorlieben des Baumeisters Ungers sind hier im Alterswerk besonders augenfällig: Es dominieren Rechteck und Quadrat „in idealer Ausgewogenheit und Proportionen, die in bestimmter Weise miteinander korrespondieren“, erläutert Speck, um fortzufahren: „Es gibt keine Spuren des Alltäglichen, keine (sichtbaren) Steckdosen, keine Stühle, keine Versatzstücke des Wohnens, wie wir sie kennen. Es ist eine Ästhetik auf Kosten der Gemütlichkeit – gleichsam ´la casa sensa qualità´ im Sinne von unvergleichlich.“ 
In Würdigung der architektonischen Idee soll möglichst nichts verändert werden, abgesehen von einigem austauschbaren Mobiliar, das die jetzige Funktion des Hauses braucht; ferner sind hinzugekommen eine Arbeit von Andreas Gursky, welche eine übermannsgroße „Seite 523“ aus Robert Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ als unverzichtbare Anspielung zeigt. Gegenüber hängt ein ebenso großer weiblicher Akt, geschaffen von dem Griechen Jannis Kounellis.


Erfinder des personalen Erzählens
Reiner Speck, Sammler und Literaturkenner zugleich, führt aus, dass zwischen Proust und Petrarca trotz ganz unterschiedlicher Lebensumstände eine „innere Korrespondenz“ bestehe insofern, als beide davon durchdrungen waren, vollendete Kunst zu schaffen.
Bezogen auf den Franzosen, der von 1871 bis 1922 lebte und das siebenbändige, epochemachende Werk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ schuf, ist anzumerken, dass der Leser die dargestellte Welt aus der Sicht einer Romanfigur erlebt. Ein Ich-Erzähler erinnert sich schreibend und reflektierend seines verflossenen Lebens.- Proust als Autor lässt sich leiten von der Idee, „dass unsere soziale Persönlichkeit eine Vorstellung anderer Personen ist“ (R. Speck). So kann es sein, dass ein Mensch heute hohes gesellschaftliches Ansehen genießt, morgen vielleicht vergessen ist.
Wenngleich sich der Vorgang des Erzählens bei Proust außerordentlich genau und tiefgründig gestaltet – berühmt ist der komplizierte, fast unüberschaubare Satzbau –, ist es das eigentliche Ziel des sprechenden Ichs, rückblickend ein vollkommenes Kunstwerk zu schaffen. Die „Bibliotheca Proustiana Reiner Speck“ besitzt daraus mehrere Manuskripte.


Letzter des Mittelalters
Während Proust damit für den Beginn des modernen Romans steht, ist Francesco Petrarca (1304-1374) siebenhundert Jahre früher als Vorläufer des Humanismus von epochaler Bedeutung. „Charakteristisch bei  ihm ist das Spiel mit dichterischen Mitteln wie rhetorischen Figuren, rhythmischem Sprechen, den Reimformen und neuen Textsorten“, so erläutert der Sammler, wo-raus die Adepten sogar einen verbindlichen Formenkanon schufen. Berühmt sind die episch-lyrisch durchformten „Briefe“ des Humanisten an Zeitgenossen und – tatsächlich – Persönlichkeiten aus der Antike sowie eine Vielzahl von Sonetten unter dem Titel „Canzoniere“, gerichtet an das Frauenideal „Laura“. Petrarca bedient sich, bei aller Subjektivität der Sprache, vergessener antiker Dichtungsformen und gilt damit als „Letzter des Mittelalters“ (R. Speck) sowie Wegbereiter der Renaissance.
Der italienische Poet und der Kölner Bibliophile sind durchaus seelenverwandt. Dieser hat von vier Sammlungen die größte noch in Privatbesitz befindliche im Ungers´schen Hause zusammentgetragen und handelt damit durchaus im Sinne Petrarcas, der meinte, „an Büchern kann ich nicht genug haben“.
Zu der hier befindlichen Kollektion gehören zahlreiche Handschriften auf Pergament, Codices, Illuminationen sowie alles dem Sammler Erreichbare. Dazu Reiner Speck: „Solange ein neues Stück die vorhandenen ergänzt, vermehren sich die Kontextualitäten und die Interkontextualitäten, was zu weiterer Forschung anregt und Neuerwerbungen nach sich zieht.“ Dabei interessiert eigentlich alles neben „Druckorten, Einbandgestaltung, Ausmalung von Initialen und Illuminationen ganzer Seiten, vor allem Probleme der Textgestaltung und Aspekte der Editionsgeschichte (R. Speck)“.


Nun die Promenade
Nach dem Eingangsreferat hatten die Besucher ausgiebig Gelegenheit, das Haus und die Exponate zu genießen, Petrarca im Erdgeschoss in den von Ungers hinterlassenen, dunkel gebeizten Schränken, Proust auf der ersten Etage; ihnen hat ihr Besitzer Vitrinen in hellem Holz schreinern lassen: Man zieht Schubkästen auf, und unter Glas präsentiert sich, was das Herz eines Bibliophilen höher schlagen lässt. Schon die Buchrücken sind denn auch überaus verheißungsvoll: Schöngebundene Erstausgaben von Proust und alte Folianten von Petrarca.
Die Besucher, ihrerseits Bücherfreunde und Leser, wünschten sich indes mit dem visuellen den haptischen Genuss, der ihnen aus naheliegenden Gründen verwehrt blieb. Jeder Liebhaber von Büchern möchte dem glatten oder rauen, durch Unebenheiten und Wellen gezeichneten Papier, den hinterlassenen Hand- und Fingerspuren manches bibliophilen Schatzes nachspüren.
Ausgiebig wurde die Gelegenheit genutzt, das Haus kennenzulernen. Vom großen Geviert im Erdgeschoss gelangt man über die „Ungers´sche Treppe“ mit ihren ungewohnten Stufenmaßen und dem hoch angebrachten Handlauf – man vernachlässige die Proportionen nicht –  zu zwei Galerien, die einen erhabenen Ausblick ermöglichen; davon hatte Reiner Speck  zuvor schon geschwärmt.
Man erinnert sich an den Bibliotheks-Kubus im anderen Ungers-Haus, nur einen Steinwurf entfernt. Freilich ist dort noch die Wendeltreppe hinauf zur Galerie und rundum das Ambiente aus erlesener Kunst. In der „Casa sensa qualità“ hingegen, die übrigens Platz für 200 Gäste hat, ist der Blick frei, gleitet über Flächen zu rechten Winkeln, Ecken und Kanten, ein Tempel eben, zum Wohnen eigentlich nicht ersonnen.
Pilgerstätte für Bücherfreunde
Wenn Reiner Speck von künftigen Plänen spricht, spürt man sein Engagement. Er wird das Haus der Fachwelt, Studenten, Romanisten, Journalisten, öffnen sowie für Lesungen und Kolloquien. Schwerpunkte werden Ausstellungen sein wie die kürzlich zur Geschichte des 30-jähigen Bestehens der Marcel-Proust-Gesellschaft.
Am 14. April gab es zudem die „II. Giornata Petrarchesca“. Hier ist zudem ein Versammlungsort für die 450 Mitglieder zählende Marcel-Proust-Gesellschaft, deren Gründer und Präsident Reiner Speck ja auch ist.
Ein ganz anderes Ereignis hat ebenfalls schon stattgefunden: Die Totenfeier für Hanns Grössel, den bekannten Übersetzer und Essayisten, dem kurz vor seinem Tode noch ein Kolloquium gewidmet war. Zu dessen würdigem Gedenken hatten sich 120 Verleger, Dichter und Literaturinteressierte eingefunden. „Feierlicher hätte es auf Melaten nicht sein können (R. Speck).“


Petrarca 1333 in Köln
Nicht unerwähnt bleiben soll ein Essay von Reiner Speck zu einem Köln-Besuch des da schon berühmten, durchaus aber auch eitlen und auf Nachruhm bedachten Francesco Petrarca. Er hatte unsere Stadt und ihre Bewohner in einem Brief an einen Gönner über den grünen Klee gelobt. Dazu schreibt Speck: „Natürlich hatte Petrarca seinen Brief von vornherein als ein Stück Literatur angelegt“, eben mit der Intention, sein eigenes Ansehen zu heben. Deshalb ist seinem überschwänglichen Lob Kölns und der Kölnerinnen nicht unbedingt Glauben zu schenken. Der Autor stellt deshalb die Frage: „War der Anblick der Stadt Köln im 14. Jahrhundert wirklich so schön, war das Gebaren der Frauen so anmutig, war die Haltung der Männer so gesetzt wie Petrarca erzählt?“ Wenngleich im Köln des 14. Jahrhunderts durchaus geistiges Leben herrschte, so kehrt der Dichter-Briefschreiber seine Meinung denn auch einige Zeit später ins Gegenteil: „Was protzt das läppische Köln mit soviel Ehrentiteln, dem die Gunst der gelben Münze, die Päppelung des Bauches, das Befeuchten der Kehle, der Schlaf, die Rast mehr gelten als die Pflege der heiligen Poesie?“ Der Meinungsumschwung, so folgert Speck, ist wohl Ausdruck der kulturellen Überlegenheit des Italieners und Indiz für das gegebene „Süd-Nord-Gefälle“.


Aus Liebe zum Buch
Es ist nicht allein obsessive Sammelleidenschaft, die Reiner Speck antreibt. Die Hinwendung zu „seinen“ Autoren hat eher begonnen mit intellektueller Neugierde: Petrarca interessierte ihn vor fast vierzig Jahren, weil der in der Schule nicht erwähnt wurde, einfach „als Mensch, als Autor, als komplexe Gestalt seiner Rezeption“, wie Speck einmal in einem Interview bekannte.
Anfang der sechziger Jahre hatte es mit Proust begonnen. Es kann die Zeit gewesen sein, während der der junge Medizinstudent sogar hier in Müngersdorf, im Kirchenhof, wohnte. Im Bücherregal der Eltern hat es „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ sogar gegeben, das Lesevergnügen indes hat sich erst eingestellt mit der Lektüre von „Eine Liebe von Swann“ und „Tage des Lesens“, womit der Student das eigene Bücherregal bestückte. Vielleicht war das ja im Kirchenhof, und wenn, dann wäre der Bücherfreund Reiner Speck nunmehr an den Ausgangsort seiner Passion zurückgekehrt...


Das Vermächtnis
Wir verweilen noch in unserer Gegend. 2009 wurde im Stadtwald ein Rundweg auf den Namen „Marcel-Proust-Promenade“ getauft. Der um den Tierpark führende Weg diente in den 1920er- und 30er-Jahren als Rennstrecke für Fahrräder und Motorräder. Nun fragt sich, wer ist der Initiator für die noble Namensgebung? Reiner Speck natürlich. Ein Spaziergang entlang der Marcel-Proust-Promenade ist besinnlich wie das Sich-Versenken in seinen Roman.
Am Ende der Führungen verließen die Besucher das „Haus ohne Eigenschaften“ mit dem Gefühl, dass es im Gegensatz zu seinem ironisierenden Namen durchaus Charakter hat und eine Aura. Es ist mit seinem konsequenten, mutigen Rückgriff auf ursprüngliche Bauformen ein architektonisches Meisterwerk und durch den Geist, der ihm innewohnt, wie geschaffen, die erlesenen Sammlungen Dr. Reiner Specks aufzunehmen. Es ist ein Glücksfall, dass der an Kunst und Literatur interessierte Arzt das einige Zeit leerstehende Gebäude nun auch durch anspruchsvolle Veranstaltungen zu einer Stätte der Kultur macht.

Quellen

       
• Gerhard Regn: Aufbruch zur Neuzeit: Francesco Petrarca 1304-1374, in: Francesco Petrarca 1304-1374, Werk und Wirkung..., Hg. Reiner Speck, Florian Neumann, 2004

 

• Reiner Speck: Petrarca in Köln, in: Francesco Petrarca, Werk und Wirkung, a.a.O.

 

• Reiner Speck: „Ich hasse Korrespondenzen“, in: Marcel Proust im Spiegel seiner Korrespondenz, Briefe..., Hg. Jürgen Ritte, Reiner Speck, 2009

Beitrag BlickPunkt Müngersdorf:

Besuch im Ungers Archiv für Architekturwissenschaft (UAA) BP 19

Oswald Mathias Ungers - Portrait des Architekten, BlickPunkt 9

Link:

Ungers Archiv für Architekturwissenschaft (UAA), Belvederestrasse 60

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