Kunst und Kultur

Besuch im Ungers Archiv für Architekturwissenschaft (UAA)

Ein Abbild städtischen Lebens

 

Text: Kurt Schlechtriemen

Fotos: Ute Prang | Monika Frei-Herrmann | Dieter Leister | Stefan Mueller

 

 

PlickPunkt 19 | 2011



 

Viele waren gekommen, um es zu erleben, das „besondere kulturelle Highlight im Herzen von Müngersdorf“. So hieß es in einer gemeinsamen Einladung des Bürgervereins und Sophia Ungers´, Vorsitzende der Stiftung „Ungers Archiv für Architekturwissenschaft (UAA)“, um hinter die Kulissen des Hauses Belvederestraße 60 zu schauen. 

Erst auf den zweiten Blick fällt dem Besucher auf, dass sich das ehemalige Wohn- und Bürohaus des berühmten Architekten Oswald Mathias Ungers von den Häusern der Nachbarschaft unterscheidet, haben sie doch alle die gleiche rote Backsteinfarbe. Es ist ein Gebäudeensemble, das wird bei näherem Hinschauen deutlich, das aus dem 1959 errichteten Komplex besteht, der sowohl zur Arbeit als auch zum Wohnen diente, und dem dreißig Jahre später im ehemaligen Garten errichteten Bibliothekskubus. Schon von außen erfasst man die formalen Vorlieben des Baumeisters: das Quadrat, den Kreis, das Dreieck. Entsprechend ist vor allem die Seitenfront von außen erkennbar strukturiert.
Beim Betreten des Hauses zeigt sich, dass die Zuordnung von Wohn- und Arbeitsbereichen ungewöhnlich, nicht einer Norm entsprechend, ist. Die Räumlichkeiten sind, zunächst durchaus verwirrend, verbunden durch Gänge, Galerien und Treppen. Außen ist das Ganze aufgelockert mittels Terrassen und Plätzen, denen sich der Besucher gegenübersieht.

Ungers´scher Mikrokosmos
Nach kurzer Begrüßung im Konferenzraum durch Sophia Ungers wurden die zahlreichen Besucher in Gruppen durchs Haus geführt. Dabei war zu erfahren, dass der Baumeister Ungers diese frühe Arbeit auf 700 Quadratmetern als ein verkleinertes Abbild dörflicher oder städtischer Formen des Zusammenlebens verstand. Seine Intention war die Stadt in der Stadt. Den einzelnen Elementen wie Räumen, Treppen, Plätzen, dem Interieur unterlegte er auch hier im Innern konsequent die von ihm bevorzugten Grundformen des Bauens, die er den griechischen und römischen Vorbildern der Antike entlehnt. Seine veränderbare, vielgestaltige Welt im Kleinen ist für den Menschen gemacht. Hier lässt es sich leben und erholen, arbeiten und studieren.

Mit diesem Gebäude, darin ist sich die Fachwelt einig, ist Ungers weltweit bekannt geworden. Das Haus wird vom UAA zur Erledigung der anfallenden ständigen Aufgaben genutzt: Im Untergeschoss ist das Planarchiv, weitere Räumlichkeiten dienen Ausstellungen und Symposien. Im Obergeschoss wird nicht mehr gewohnt, auch dort wird gearbeitet, archiviert und ausgestellt.

600 Jahre Architekturwissenschaft
Wovon bisher noch gar nicht die Rede war, ist der 1989 im ehemaligen Garten entstandene Bibliothekskubus, von außen erkennbar an der fast schwarzen Eifeler Basaltlava, der Heimaterde des Baumeisters sozusagen. Der Besucher erreicht ihn nach dem Durchschreiten eines Ganges und sieht sich rundum von Büchern umgeben – vom Erdboden bis hinauf zum Dach. Jetzt nimmt er wahr, dass er sich inmitten eines Würfels von beträchtlichen Ausmaßen befindet, den sein Erbauer von langer Hand geplant hat: die Größenverhältnisse, den Lichteinfall, die Beleuchtung, die Farben. Auch die Auswahl der gesammelten Kunstobjekte sucht ihresgleichen.

Von ähnlicher Erlesenheit und gleichem Anspruch ist die rundum angeordnete, äußerst seltene architekturwissenschaftliche Büchersammlung. Die Bibliothek ist ja auch das eigentliche Herzstück des Hauses, mit ihr haben Oswald Mathias Ungers und seine Ehefrau Lieselotte Ungers in 50-jähriger systematischer Sammeltätigkeit ein Bücher-Universum zusammengetragen. Diese Bücher, die Bibliothek sind es denn auch, die das Ungers Archiv für Architekturwissenschaft, eine Stiftung Bürgerlichen Rechts, zugänglich machen will und denen es sich verpflichtet fühlt.

Hier gibt es die Erstausgabe von Vitruvs „De Architectura Libri Decem“ von 1495, natürlich sind die Renaissance, das Barock, der Klassizismus, ebenfalls meist in  Erstausgaben, vertreten. Es finden sich aber auch die Bücher der russischen Avantgarde, die der Vertreter des Bauhauses, von Le Corbusier und Mies van der Rohe.

Um den literarischen Reichtum zu nutzen, sollen Studenten, Doktoranden und Architekturtheoretiker, inspiriert vom Geist des Ortes, Gelegenheit haben, sich zu informieren und zu studieren. Eine Vortragsreihe unter dem Titel „ex libris“, in welcher ausgewählte Werke der Bibliothek vorgestellt werden, beginnt im Juni 2012 (siehe Textende) und wird drei- bis viermal jährlich stattfinden.

Künftige Pilgerstätte
Der vielen Aufgaben angenommen haben sich neben der Stiftungs-Vorsitzenden, der Kunsthistorikerin Sophia Ungers, Tochter des Ehepaars Ungers, der für Werkstatt und Ausstellungen zuständige und schon genannte Bernd Grimm, die Diplom-Ingenieurin und Architektin Anja Siebers-Albers, die den Nachlass verwaltet und ebenfalls Ausstellungen betreut. Das Team ist bereit, sich dieser Aufgaben und der künftigen Besucher anzunehmen.

Damit das Haus in der Belvederestraße ein Ort der Begegnung und Auseinandersetzung mit Architektur bleibt, hat sich ein „Freundeskreis der Stiftung Ungers Archiv für Architekturwissenschaft“ gegründet. Er engagiert sich für den Nachlass des berühmten Müngersdorfer Architekten und würde sich sehr freuen, wenn möglichst viele Menschen dem Freundeskreis als Mitglieder beitreten würden.

Weitere Informationen finden sich auch unter www.ungersarchiv.de.


ex-libris-Reihe
UAA, Belvederestraße 60, 50933 Köln

Oswald Mathias Ungers - Portrait des Architekten, BlickPunkt Müngersdorf 9

Ungers Archiv für Architekturwissenschaft (UAA), Belvederestrasse 60

Haus und Büro O.M. Ungers ist eine von 18 Stationen des Kulturpfad Müngersdorf.

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