Kunst und Kultur | Dorissa Lem

Ausstellung von Dorissa Lem im Spiegel ihres Künstlerlebens

 

Text: Kurt Schlechtriemen

Fotos: Ute Prang

 

Beitrag aus BlickPunkt 21

„Reise zum Kern im Dialog mit dem Material“

Ausstellung „Glückliche Mühe – zum 60sten“ im KunstRaum Dorissa Lem

 

Die Künstlerin Dorissa Lem lädt zu einer neuen Ausstellung in ihren KunstRaum. „Glückliche Mühe – zum 60sten“ lautet der sprechende Titel. Dem hinzuzufügen ist, dass sie bereits seit dreißig Jahren vor Ort ist, es sich um die 20. Ausstellung handelt  und dass sie in dieser Zeitspanne sehr erfolgreich eine fast unüberschaubare Anzahl von Kunstwerken geschaffen hat.
Die Grußworte der Bezirksbürgermeisterin Helga Blömer-Frerker zur Eröffnungsmatinee am 11. November drückten große Wertschätzung aus. „Nach innen geht der geheimnisvolle Weg“, so charakterisierte sie den Schaffensprozess der Bildhauerin und hob auch nachdrücklich deren Fähigkeit zu interdisziplinärem Arbeiten und kollegialem Umgang mit anderen Künstlern hervor. Lebendiger Beweis dafür war anschließend das Trio Backyard Safari, das sowohl mit sphärischen Klängen über verhalten rockige Rhythmen bis hin zu humorigen „Zugaben“ für Einstimmung sorgte.

 

"Mandorla III"

Skulpturen mit Innenleben
Den Rundgang schließlich beginnen wir mit den Skulpturen aus Holz, dem Zentrum der Ausstellung. Die Werkreihe erhielt den Titel „Mandorla“, und diesem Wortsinn gemäß weisen alle Arbeiten ovale, mandelförmige Öffnungen auf. Mandorla III etwa, gearbeitet aus einem 60 Zentimeter hohen Birkenstamm von 40 Zentimetern Durchmesser, gibt mehrere schmale, längliche Durchbli-cke von ungefähr gleicher Größe hin zu einer kurzen gedrungenen Mittelsäule frei. Es ist „eine Reise zum Kern im Dialog mit dem Material“, wie die Bildhauerin ihr Arbeiten versteht und wie der Betrachter sie hier, sich einfühlend, nacherlebt. – Nach oben hin hat die Skulptur einen „krönenden“, sternenförmigen Abschluss, wobei das unbearbeitete Stirnholz im Kontrast steht zur ansonsten freigelegten Maserung der Birke.
Diese wie auch die anderen Skulpturen haben eine besondere Aura, der Betrachter fühlt sich angezogen und tritt in eine persönliche geistige Auseinandersetzung mit den ihn umgebenden Werken ein.
Ein „Kraftfeld im Raum“ (Dorissa Lem) bildet auch Mandorla V, größer (90 x 44 x 42 cm) als seine Pendants und sich auch formal abhebend von den anderen Exemplaren der Reihe. Auch ist diese aus Zedernholz gefertigte „Galions“-Figur an ihrer Oberfläche stärker bearbeitet als die anderen, sodass Farbe und Struktur des Materials deutlich hervortreten. Dennoch versteht sich, dass es auch hier das gemeinsame Merkmal der mandelförmigen Öffnungen – in diesem Fall drei – gibt, deren Ränder noch besonders konturiert sind. Freilich ist das Zentrum offen und licht, der Einblick ist von überall aus möglich. Gleichwohl eröffnet er uns einen bergenden Innenraum.

 

"Felice III"

„Glückliche Mühe“ auch im Bild
Das Motto der Ausstellung findet sich auch in den zahlreich ausgestellten Bildern: Eine Werkreihe trägt den Titel „Felice“. Es handelt sich um vielschichtige Ölmalerei auf Holz, die seit etwa zehn Jahren einen gleichberechtigten Platz neben dem Skulptieren im Kunstschaffen Dorissa Lems einnimmt.
Dem Betrachter ins Auge fällt „Felice III“, ein circa 75 x 70 Zentimeter messendes Diptychon, das aus zwei senkrecht stehenden Rechtecken besteht. Der Blick wandert über ein Gewebe von Goldtönen zu Untergründen mit dominierendem Dunkelrot. Spannung erhält das Bild durch eine horizontale Gliederung mit blauen Akzenten. Obwohl die Oberflächen glatt sind, erhalten sie Struktur und „Tiefe“ infolge haarfeiner Rinnen, welche die Künstlerin durch beherzten Einsatz eines Malerspachtels erzeugt.
Überhaupt der Schaffensvorgang: Wie schon deutlich wurde, entwickelte Dorissa Lem diese Technik selbst, und zwar ausgerechnet als Resultat eines Autodafés, der Zerstörung eigener Bilder mittels eines Malerutensils: „Mit der Spachtelkante reiße ich“, so sagt sie, „in rhythmischen Schwüngen die vorhandenen Farbflächen auf ... Dann trage ich – wieder mit dem Spachtel – eine neue Schicht auf, entstehende Rillen füllen sich mit Farbe, und so entsteht allmählich ein Gewebe von Linien – ein vibrierender Farbraum.“ Auch hier gilt, was schon deutlich wurde: Das zunächst ungeordnete Material formt sich zum noch unfertigen Bildnis, und ein Bild bewirkt die Hervorbringung des nächsten: auch hier also ein Fortschreiten von außen hin zum Eigentlichen, dem Kern. Dabei ist dieser Arbeitsprozess ebenfalls körperlich anstrengend, nicht weniger als beim Skulptieren.
Die „Frottagen“ entstehen, indem die Künstlerin ausgewählte Holz-Oberflächen mit Bleistift durch Papier reibt. Die Resultate sind plastisch wirkende Grafiken, von denen in der Ausstellung etliche gezeigt werden.
Als Gegengewicht zur oft mühsamen Bildhauerei, zum Malen oder Frottieren praktiziert Dorissa Lem eine weitere von ihr entwickelte künstlerische Technik, deren Ergebnisse sie gleichfalls als Bildwerke in der Ausstellung zeigt. Dabei lässt sie sich inspirieren durch ausgewählte Stücke ihrer Materialien Holz oder Stein, mitunter auch von musikalischen Eindrücken, um die erlebten inneren Bewegungen „mit leichter Hand“ blind nachzeichnend zu Papier zu bringen. Das Ergebnis dieser gezeichneten „Protokolle“ führt manchmal zu weiterer Bearbeitung.


Retrospektive zum Sechzigsten
Für die Hinwendung zur Kunst gibt es im Falle von Dorissa Lem kaum eine äußere Motivation, weder Vater noch Mutter vermochten als Bahnbeamter und Krankenschwester Grundlagen zu schaffen. Auch die Schule – sie machte 1972 Abitur in Krefeld – kommt nicht in Betracht, war doch der Kunstunterricht nicht dazu angetan, entsprechende Neigungen zu fördern. Doch vielleicht war es die Tante Lisbeth, die das schlummernde Talent weckte, als sie der erst 6-Jährigen den ersten Malkasten und ein Werktischchen schenkte.
Es wurde ein langer Weg zur Kunst, der die Abiturientin 1972 zunächst über das Studium der Heilpädagogik nach Köln führte.  Es war dies auch die Zeit, als die Künstlerin Müngersdorf kennenlernte. 1974 war die junge Frau erstmals mit dem Fahrrad hier unterwegs – „es war Liebe auf den ersten Blick“. Und jene, die sich erinnern, können sich einfühlen in die damaligen Lebensumstände, welche die Heilpädagogin nach dem Referendariat durchlebte: Sie kaufte sich zuerst eine kleine Werkbank, und zwar eine von Black & Decker, und fertigte als Erstes einen Fisch aus Holzresten, Holz, das sie sich kostenlos bei „Sperrholz Kops“ in der Hahnenstraße besorgte...
1982 bereits zog Dorissa Lem mit ihrer heilpädagogischen Praxis in die Stolberger Straße und gab hier auch Holzwerkkurse für Kinder und Erwachsene. 1984 gründete sie dann die Werkstatt „Grünspecht-Spielzeug“. Von 1990–2000 bekam sie Aufträge vom Jugendamt und belieferte Kindertagesstätten. Die handwerklichen Fertigkeiten sowie die Handhabung von Kreissäge und Bandsäge hat sie sich selbst angeeignet. Das Lehrgeld, das sie zahlte, umschreibt sie prosaisch so: „Was einmal ab ist, das ist ab.“

 

"Stille – Gleiten V"

Freie künstlerische Arbeit
„Seit Anfang der 90er-Jahre entwickelte sich bereits meine freie künstlerische Arbeit, im Zentrum Skulptur (Holz), dann auch Malerei und Grafik“, so Dorissa Lem, und sieht sich von Anfang an in der Tradition der Klassischen Moderne, weg vom Gegenständlichen in die Abstraktion. Wie die Vorbilder von Expressionismus und Neuer Sachlichkeit arbeitet sie daran, die Möglichkeiten ihres künstlerischen Ausdrucks zu erweitern und neue, eigene Bildwelten zu schaffen. Inzwischen überschreitet sie auch die Grenzen der bildenden Kunst hin zur Schauspielerei.


Leidenschaft und Ausdauer
Anfangs fühlte sie sich besonders von der Bildhauerei Barbara Hepworth´ und afrikanischen Skulpturen inspiriert. „Aus diesen Quellen“, so Dorissa Lem heute, „konnte ich immer wieder schöpfen – sie unterstützten mich auf dem Weg des eigenen Ausdrucks.“ Dabei entstehen ihre Arbeiten in reiner Handarbeit, holzbearbeitende Maschinen sucht man heute vergeblich in ihrem Atelier. Im Gegenteil, die Vorgehensweise ist bestimmt durch den Materialwiderstand „und immer auch verknüpft mit meinem eigenen Sein als Frau“. Konkret dazu sagt die Künstlerin noch: „Die Außenform bleibt zuweilen als Stamm erhalten, im Kontrast zum durchgearbeiteten Inneren; immer ziele ich auf prägnante Einfachheit. Gelegentlich habe ich mit Fundstücken gearbeitet, die ich formal wenig verändert, sondern vielmehr entdeckt und inszeniert habe.“ Ihre Skulpturen fordern auf zum visuellen und haptischen Genuss, denn man darf sie anfassen, und so vermitteln sie „Nähe, Wärme, Stabilität“ (Dorissa Lem).
Es spricht für die immense Begabung und Hingabe der Bildhauerin, Malerin und Grafikerin, wenn sie seit einiger Zeit noch Theater spielt, und zwar im „Spielraum-Ensemble Barbara Butscher“. Zuletzt war sie in der Titelrolle der „Antigone“ zu sehen, ebenso in der Männerrolle des Kreon und als blinder Seher Theiresias. Die Aufführungen finden übrigens im KunstRaum von Dorissa Lem in der Stolberger Straße statt. Wenigstens kurz muss auch noch erwähnt werden, dass dort schon viele Künstlerinnen und Künstler der verschiedensten Gattungen aufgetreten sind, unter ihnen Markus Stockhausen (Trompete), Flötist und Mitglied des WDR-Sinfonieorchesters Michael Faust sowie die Choreografin Professor Vera Sander – um von der langen Liste nur einige Namen zu nennen.


Herzliche Glückwünsche
Mit der momentan stattfindenden Ausstellung „Glückliche Mühe“ krönt die Künstlerin drei Jahrzehnte Veranstaltungstätigkeit hier in ihrer Wahlheimat, und wer sich mit ihrem Werk befasst, der begreift, was es mit dem Geleitwort auf sich hat. Wer ihre Skulpturen und Bilder betrachtet und ihre Veranstaltungen erlebt, wer so wie sie organisieren und improvisieren und noch den trivialen Alltag meistern muss, der versteht, welche Leidenschaft und Ausdauer Tag für Tag erforderlich sind. Und wer Dorissa Lem bei der Matinee erlebte, der nimmt ihr uneingeschränkt das Glücksempfinden ab, das ihr aus ihrer Kunst erwächst. Dazu und natürlich zum 60sten gratulieren wir sehr herzlich.



Weitere Informationen  www.dorissalem-skulptur.de.

Bürgerverein Köln-Müngersdorf e.V.
Kirchenhof 4
50933 Köln

 

T 0221 - 49 56 16

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