Ortsgeschichte | Das Judenlager im Äußeren Grüngürtel

Eines von zwei Fotos, die überhaupt vom „Müngersdorfer Judenlager“ zu existieren scheinen.

Schicksale jüdischer Menschen in Köln-Müngersdorf

Text: Kurt Schlechtriemen

Foto: Synagogen-Gemeinde Köln

BlickPunkt 24

In unserem Stadtteil leben die Menschen günstig im Grünen und sind mit Recht stolz auf römisches Erbe, alte Höfe und schöne Bürgerhäuser. Gerade derzeit zieht es wieder viele hierher. Es gibt indes nicht nur die angenehme Seite. Das soll ins Gedächtnis gerufen werden, nachdem die Ereignisse, um die es geht, schon 70 Jahre zurückliegen. Wer sich auf die guten Zeiten beruft, muss sich auch zu den schweren bekennen.
Es geht um die Jahre des Nationalsozialismus, in denen unser Wohnort eine schmähliche Rolle spielte, da hier der Beginn unsäglichen Elends für viele Juden, aber auch andere Verfolgte der Hitler-Diktatur war. Mit dem nachdenklichen Beitrag „Über manches ist Gras gewachsen“ warnte der Müngersdorfer Schriftsteller Erich Kock bereits 1980 vor dem Vergessen. Vor allem dies ist Anliegen der vorliegenden Dokumentation. Es geht darum, die Opfer zu würdigen und darüber hinaus einen Beitrag dafür zu leisten, dass sich Ähnliches nicht wiederholt. Hinzu kommt, dass es angesichts der wenigen Quellen gilt, noch Menschen zu Wort kommen zu lassen, die Zeugnis geben können, bevor das nicht mehr möglich ist.


I. Wortmeldungen
Nur sehr wenige Angehörige der jüdischen Religion waren seinerzeit in Müngersdorf ansässig. Es gab jedoch im Äußeren Grüngürtel am Walter-Binder-Weg ein Sammellager für Juden und andere von den Nationalsozialisten Verfolgte, damals wie heute kurz Judenlager genannt, im ehemaligen Fort V und etlichen Baracken in dessen direkter Nachbarschaft. Eine große Zahl von Menschen der jüdischen Glaubensgemeinschaft, es dürften etliche Tausend gewesen sein, wurden hier interniert und dann auf grausame Weise in Konzentrationslager deportiert, aus denen nur wenige zurückgekehrt sind.  
Bevor wir uns jedoch den unglücklichen Menschen des Lagers zuwenden, soll zunächst von den Lebensumständen der seinerzeit hier Wohnenden die Rede sein. Deren Grundstimmung war dadurch geprägt, dass sie ebenfalls unter dem Krieg zu leiden hatten, zum Beispiel den Bombenangriffen, der Bespitzelung und dadurch, dass die Männer an der Front waren. Dadurch waren die Juden in mehrfacher Hinsicht bedroht.
• Wie es scheint, wohnten nur ein Jude namens Kohn Am Serviesberg und die Familie Düring in der Buisdorfer Straße. Zu jenem kann nur so viel gesagt werden, dass sich der Zeitzeuge Fred Göbel, damals 16 Jahre alt und in der Herrigergasse wohnend, an einen freundlichen, im Ort beliebten Mann erinnert, der eines Tages verschwunden war: „Hier sprach man allgemein von ´Jüd Kohn´. Einmal wurde bekannt, dass Jugendliche ihre Notdurft vor dessen Haustür verrichtet hatten. Sie wurden dann zur Rechenschaft gezogen, wie genau weiß ich nicht.“ Für eine Flucht, vielleicht die Verhaftung des Mannes spricht auch eine Bemerkung des damaligen Pfarrers Leo Ditges in der Pfarrchronik, wo es heißt, dass viele Juden flüchteten, „auch die einzigen aus unserer Gemeinde“.
• Der Müngersdorfer Maximilian Koether, der hier die Volksschule besuchte, berichtet über sein Verhältnis zu den Kindern aus dem Lager. „Meine besorgte Mutter hatte mir dringend geraten, mich von ihnen fernzuhalten, etwa wenn sie Milch im Geschäft Niebus an der Wendelinstraße holten. Sie hatte Angst, selbst in die Fänge der Gestapo zu geraten.“ Derselbe Zeitzeuge sagt aber auch, dass seine Ehefrau damals auf Geheiß der Eltern wie unbeabsichtigt im Geschäft Lebensmittelkarten zu Boden fallen ließ, damit anwesende Lagerinsassen sie aufheben und zum Einkauf verwenden konnten.
• Einen weiteren Eindruck davon, wie die Stimmung seinerzeit in der Bevölkerung war, vermittelt das Erlebnis einer damals erst Vierjährigen. Die Familie hatte ihre Wohnung am Kämpchensweg 6, in der noch die Arztpraxis des vor Kurzem verstorbenen Vaters war. Die Mutter vermietete die Praxis, durch die das Kind gehen musste, wenn es ins Wohnzimmer wollte. Eines Tages suchte eine Frau, sie trug einen Judenstern und durfte folglich nicht behandelt werden, mit blutender Wunde am Kopf Hilfe. „Das Wartezimmer war voll, doch meine Mutter brachte sie ins Behandlungszimmer“, so schreibt uns die Zeitzeugin, und die Ärztin versorgte die Wunde. Dem Kind von damals hat sich das Geschehen ins Gedächtnis eingegraben, es konnte nicht wissen, „dass das sehr mutig war“. Weder die Ärztin noch die Mutter wurden angezeigt.
• Hannelore Gärtner, damals Gymnasiastin, hat die unselige Zeit der Naziherrschaft als aufgeweckte Heranwachsende erlebt. „Wir haben gesehen“, so schildert sie, „wie die großen offenen Lastwagen kamen und die Menschen brachten. Die fuhren dann hier über die Belvederestraße durch die Eschenallee zum Fort. Sie hatten Hab und Gut dabei. Wie sie wegtransportiert wurden, haben wir nicht gesehen.“
Einmal traf sie die Mitschülerin Ruth Hirsch zufällig an der Ecke zur Eschenallee und erfuhr, dass diese in den Bara-cken lebte, aber nicht mehr lange, sie kämen bald in ein besseres Lager. „Sehen Sie, so ist mir das haften geblieben, ich kann mich sogar noch an den Namen erinnern“, sinniert die Seniorin. Als eine der wenigen spricht sie von den „fürchterlichen Verhältnissen“ im Festungsgefängnis, wovon sie sich nach der Räumung überzeugt hat. „Die Nässe dort war schlimm“, sagt sie und fährt fort: „Öfter haben sich Juden von der Brücke Belvederestraße auf die Bahngleise gestürzt. Das wurde dann hier immer erzählt.“
• Unfreiwillig zugegen bei einem entsetzlichen Geschehnis wie dem erwähnten war Susanne Wirz, wovon sie berichtet: „Einmal im Krieg war mein Zwillingsbruder auf Urlaub hier; da bin ich mit ihm und seiner Freundin über die Bahnbrücke Belvederestraße spazieren gegangen. Ein Mann hatte sich auf die Schienen gelegt, und es war fürchterlich anzusehen: Da lag er, auf der Seite Richtung Königsdorf, er wurde vom Zug überfahren. Ich sehe noch, wie seine Krawatte sich im Fahrtwind hochwölbt. – Danach wurde gesagt, da hat sich ein Jude aus dem Lager vor den Zug geworfen.“
Die Berichte geben durchaus die damaligen Lebensverhältnisse und das soziale sowie geistige Klima Müngersdorfs wieder. Sie veranschaulichen ebenfalls, dass es Berührungen zwischen Bevölkerung und Lagerinsassen gab.


II. Fort V und Barackenlager
Auf der Ostseite des Walter-Binder-Weges befindet sich ein großer Findling, darauf eine Metallplatte mit einer Inschrift von 1981, mit der die Stadt Köln der ermordeten Juden gedenkt.
Das Fort V an dieser Stelle war eine ab 1874 erbaute Festungsanlage, die bis 1918 Militärgefängnis war. Von hier etwa 150 Meter entfernt westlich bis fast zur Bahnlinie Köln-Aachen errichteten die nationalsozialistischen Behörden 1941 eine Barackenanlage; beide dienten ab 1941/42 dem gleichen Zweck, nämlich der Ghettoisierung jüdischer Menschen, bevor man sie nach Tagen, Wochen oder Monaten „nach dem Osten“, und das hieß meist in die Vernichtungslager transportierte.
Der Festungsbau diente ursprünglich dem Schutz gegen Artilleriebeschuss und war entsprechend gebaut. Von den massigen Ziegelmauern tropfte das Wasser, während die vergitterten Fensteröffnungen kaum Luft und Licht einließen. „Je nach Größe des Raumes lebten zehn bis zwanzig und mehr Menschen in einem Gewölbe.“ Einen Eindruck von den Verhältnissen dort vermittelt auch die Schilderung von Margarete Wiechert, die zur Kriegszeit in der Widdersdorfer Straße wohnte: „Ich kam als Kind einmal an Fort V vorbei. Es ging abschüssig etwas hinunter. Dort befand sich ein großes Tor, links und rechts waren Steinsäulen, die Fenster vergittert, die Türen verriegelt. Alles war nass und kalt. Ein alter Mann und eine alte Frau hinter den Fenstern erregten meine Aufmerksamkeit, sonst war niemand zu sehen. Ich ging näher, und da ich von der Schule her, wir haben selbst geschlachtet, noch ein angebissenes Schinkenbrot in der Hand hatte, habe ich es den beiden gegeben, obwohl das ja streng verboten war. Mit Heißhunger und dankbarem Blick haben die alten Leute das Brot regelrecht verschlungen. Ich bin schnell weggelaufen, alles hat mir Angst gemacht.“ 1962 hat die Stadt Köln die Anlage mit großem Aufwand beseitigt und die Schuttmassen auf dem umliegenden Gelände verteilt, was die heutige bewachsene Bodenformation noch erkennen lässt. Erst 20 Jahre später wurde der Stein mit der Gedenktafel dort aufgestellt.
Die Baracken zwischen Walter-Binder-Weg und Bahnlinie wurden 1941/42 errichtet; ursprünglich waren 36 davon geplant, zwölf sind indes nur fertig geworden, wie die Historikerin Birte Klarzyk zu berichten weiß. Fotos von der Anlage existieren offenbar gar keine. In den Räumen herrschte drangvolle Enge und eisige Kälte. Hier zunächst noch eine Art Momentaufnahme eines kleinen Jungen, der mit seinem Vater spazieren ging und dem sich als Vierjährigem eine gespenstische Szenerie einbrannte: „Vor dem Tor standen links und rechts Männer in Uniform; ob bewaffnet oder nicht, weiß ich nicht mehr. Aber deutlich vor Augen habe ich noch die ein- und ausgehenden Menschen.“ Sie trugen, sogar dem Kind ungewohnt, den Judenstern auf der Brust, was es zu der Frage nach dessen Bewandtnis veranlasste. Der Vater: „Das sind Menschen, die hier nicht so gerne gesehen werden. Die kommen nach Frankreich.“
Es ist ferner bekannt, dass der Grundriss des Barackenlagers mit Eingangstor und Hauptweg genau den Gegebenheiten entspricht, wie man sie heute noch auf dem dort befindlichen Gelände der Schrebergärten antrifft. Die Anlage sowie ihre sehr massive Umzäunung wurden schon circa 1947 abgerissen. Freizeitgärtner berichten, beim Graben auf Habseligkeiten der Zwangsinternierten gestoßen zu sein: einen Kamm, Löffel, Schuhsohlen. Wie schon deutlich geworden ist, war das Lager nicht ständig bewacht, und die Insassen durften es für kurze Zeit verlassen. Offenbar aber gab es Kontrollen in dessen Umgebung, wie aus dem Bericht einer Zeitzeugin hervorgeht.


III. Durchführung der Deportationen
Auf dem „Weg in den Holocaust“ als der letzten Stufe der Judenverfolgung konzentrierten die nationalsozialistischen Behörden einen Großteil der betroffenen Menschen in sogenannten „Judenhäusern“ im Stadtgebiet, einen anderen in dem Lager hier in Müngersdorf.
Wie auch in einem „Gedenkbuch“ des NS-Dokumentationszentrums Köln nachgewiesen ist, gingen bereits ab Herbst 1941 etliche große „Evakuierungen“, wie die Nationalsozialisten sagten, mit etwa 1000 Personen in die Konzentrationslager Lodz, Riga und Theresienstadt. Nicht wenige von ihnen begingen Selbstmord, andere wiederum waren froh, der Stadt Köln wegen der Bombardierungen und angesichts ihrer Drangsal den Rücken kehren zu können.
Nach einer gewissen Unterbrechung verschickte man von Sommer 1942 an auch die noch verbliebenen jüdischen Menschen; die Unglücklichen, darunter Alte, Kranke und Kinder,  kamen nun überwiegend aus dem Sammellager Müngersdorf, das ab diesem Zeitpunkt häufig erwähnt wird. Offenbar waren das Stadtgebiet und der Regierungsbezirk schon jetzt fast „judenfrei“, wie die Behörden seinerzeit sagten.
Wenngleich das Deportationsgeschehen aus naheliegenden Gründen von SS, Gestapo und Reichsbahn möglichst verschleiert wurde, so ist doch erwiesen, dass weit mehr als zehn größere und zahlenmäßig kleinere Transporte, von kurzen Pausen abgesehen, in all den Jahren von 1941 bis 1944 erfolgten; bei den meisten waren nachweislich Menschen aus dem Müngersdorfer Lager.
Der Geheimhaltung und Beschönigung diente wohl auch dessen amtliche Anschrift „Gemeinschaftslager Eichhorn“.
Die einzelnen Transporte wurden von der Gestapo organisiert, wobei sie sich zur Erstellung der Namenslisten skrupellos der Synagogengemeinde bediente. Von Müngersdorf aus wurden die Menschen in die Messehallen transportiert. Dies geschah wohl meist des Nachts, da keiner der Müngersdorfer Ortsansässigen den Abtransport erwähnt. In den Messehallen wurden sie  alphabetisch registriert, zum Bahnhof Deutz-Tief gebracht und von dort „nach dem Osten“ transportiert. Vorher hatte man ihnen bis auf letzten kümmerlichen Besitz alles abgenommen.  
Besonders erschüttert auch das Schicksal eines Paares, das sich im Müngersdorfer Lager kennen- und liebengelernt hatte. Es heiratete bei einer Unterbrechung der Fahrt bei Würselen. „Die Trauung erfolgte am 13. Juli 1942, eine Woche vor der Deportation nach Minsk. Das junge Ehepaar selbst und die Eltern des Mannes, die alle vorher im Lager Müngersdorf waren, gelten als verschollen.“
Um das Kriegsgeschehen im Herbst 1944 doch noch zu wenden, wurden alle bis jetzt noch in „Mischehen“ verschonten arbeitsfähigen Juden, auch die aus dem Barackenlager zur Zwangsarbeit gezwungen; deren „arischen“ Ehepartner verschleppte man. Leidtragende dieser Aktion war auch die Müngersdorferin Wilma Deckert mit Familie. Die junge Frau und ihre jüdische, zum Katholizismus konvertierte Mutter gingen einen qualvollen Weg über das „Auffang-Lager Köln-Müngersdorf“, so schreibt Wilma Deckert in einem Brief an ihren Jugendfreund Hans Bossinger, ins Konzentrationslager Theresienstadt. Ihr Vater, als Teilnehmer des Ersten Weltkriegs beinamputiert, sowie die drei Brüder galten als „politisch unzuverlässig“ beziehungsweise „wehrunwürdig“ und wurden an den „Westwall“ beziehungsweise ins Gebiet zwischen Elbe und Oder zur Zwangsarbeit verschickt. Die Familie konnte 1945 nach Hause in die Linnicher Straße zurückkehren.  
Wie Matzerath im „Gedenkbuch“ belegt, erfolgten die Deportationen aus Köln sogar noch bis Ende 1944. Ganz zuletzt belegte man das Müngersdorfer Lager mit ausländischen Häftlingen und Zwangsarbeitern, um es am 1. März 1945 ganz zu räumen. Die Überlebenden mussten sich zu Fuß ins Sauerland, dem dortigen Hunswinkel quälen. Mit dem Einmarsch der Amerikaner am 5. März 1945 war indes endgültig Schluss mit dem „Judenlager Müngersdorf“. Wie sich herausstellte, hortete man in Fort V auch sogenannte „Mangelware“ wie Zucker, Fett, Mehl, aber auch Schokolade und Kognak, an denen sich die Bevölkerung bediente.


IV. Bericht der Zeitzeugin Hilde Nathan   
Die Zeit der völligen Entrechtung begann für die Kölner Jüdin Hilde Nathan und ihre Eltern im Barackenlager Müngersdorf, wo sie sich am 20. Januar 1942 einzufinden hatte. Der Vater besaß in der Eifel ein Kino, das er 1933 wegen des „Judenboykotts“ aufgeben musste. Hierher mitbringen durften sie nötigsten Hausrat wie Tisch, Stühle, Bett.  Zuvor hatte die Familie sukzessive abzugeben Pelze, alles Silber, Radio, Schreib- und Nähmaschine, Fährräder.  
Die Baracken beschreibt die damals 17-Jährige als aus „neuen hellgelben Brettern erbaut, die auf dreiviertel Meter hohen hölzernen Stelzen standen“, je einen Raum hatten und in Hufeisenform angeordnet waren. In einer von ihnen hauste die Familie schließlich zu neunt mit Menschen aus Neuwied und Velbert; man richtete sich notdürftigst ein. Ausdrücklich erwähnt Hilde Nathan auch die nahe gelegene Flak-Stellung, die sie als sehr bedrohlich erlebte. Dennoch hat sie nie ein Geschütz zu sehen bekommen, weil ein hoher Zaun Baracken und Militärbereich voneinander trennte. An Begegnungen mit einzelnen Soldaten, die durchaus freundlich, sogar hilfsbereit waren, erinnert sich das junge Mädchen von damals jedoch.  
Zum Einkaufen mussten die Menschen in die Stadt, Müngersdorf selbst hat Hilde Nathan nicht gesehen. Einmal ergab sich, dass sie in Köln einen Sack Kartoffeln abholen musste. Dazu nahm sie den Stern ab, den sie als stigmatisierendes Zeichen tragen musste, und wagte es, in ein Café zu gehen. Dies auch deshalb, weil sie blond war und „den landläufigen Vorstellungen vom jüdischen Aussehen“, so die Autorin, nicht entsprach. Zudem hatte sie den entwürdigenden Hinweis am Eingang „Juden und Hunden ist der Zutritt versagt“ ignoriert, wurde indes vom Besitzer, der die List mit dem Stern bemerkt hatte, einem strengen Verhör unterzogen. „Ich schwitzte, mein Herz schlug mir bis in den Hals, ich fühlte mich ihm ausgeliefert“, schreibt die Autorin; sie entkommt, weil sie sich als fünfzehnjährig ausgibt. Auf dem Heimweg hat sie ein weiteres Mal Glück. Ein „schlanker, blonder“ Gestapo-Mann in Zivil, der sich doch noch als freundlich erweist, will den Ausweis sehen. Die junge Frau bedient sich wieder einer Notlüge und flüchtet in die Baracke.
„Im Beginn der zweiten Hälfte des Februar wurde eine Anzahl der in den Baracken lebenden jungen Frauen und Mädchen, ich gehörte auch zu ihnen, dazu beordert, in den Vereinigten Kabelwerken zu arbeiten“, schildert Hilde Nathan ihr Schicksal als Zwangsarbeiterin. Sie musste maschinell in hohem Tempo und bei großem Lärm Kabel umwickeln, die, so hieß es, für den Afrikafeldzug bestimmt waren. Die Arbeit verlangte große Konzentration, Gespräche mit der Kollegin nebenan waren deshalb nicht möglich. Wegen einer Blinddarmoperation, der sich die junge Frau im „Jüdischen Asyl“ in der Nußbaumer Straße unterziehen musste, hatte der Arbeitseinsatz ein jähes Ende. Frisch operiert, kam sie sodann ins Lager zurück, da das ganze Krankenhaus nach einem Fliegerangriff von den jüdischen zugunsten „arischer“ Patienten geräumt werden musste mit der Folge, dass das Barackenlager nun gänzlich überfüllt war.
Schließlich erhielt die Familie den Befehl, sich am 2. Mai 1942 in den Messehallen zur Verschickung nach „Omsk“ oder „Tomsk“ einzufinden. Überlegungen zu flüchten wurden, weil Geld und Papiere fehlten, verworfen, doch es kam wieder anders. Bereits am 30. April 1942 des Nachts hieß es: „In zwei Stunden werden die Baracken geräumt.“ Und weiter: „...die Baracken sind von bewaffneter SS umzingelt.“ So war es tatsächlich. Marschkolonnen mussten gebildet werden, Alte und Kranke wurden auf LKW verladen, während nebenan die Kanonen dröhnten. Schließlich setzte sich im Licht von Pech-
fackeln ein gespenstischer Zug in Bewegung. „Als wir das Gebiet der Baracken“, so die Zeitzeugin, „es dämmerte schon, verließen, sah ich die Männer ..., die mit Gewehr auf Anschlag den Kordon bildeten. ... Wie bei Schwerverbrechern, ging es mir durch den Kopf.“ Nach anderthalb Stunden um bewohnte Viertel herum zeigten sich wieder Häuser.
Und weiter heißt in den Aufzeichnungen: „Wenn die Menschen am frühen Morgen die vielen Schritte hörten, kamen sie wohl ans Fenster, aber sobald sie den auf den Jacken oder Mänteln befestigten Stern sahen, traten sie zurück. Sie wollten uns nicht wahrhaben, sagte ich zu mir.“ All dies hat sich ereignet auf Straßen und Plätzen, die auch die unsrigen sind.
Unerwartet gelangte der grausige Zug am Bahnhof Ehrenfeld an. Ebenso überraschend konnte die Familie Nathan durch Vorschützen einer Krankheit die Zurückstellung erreichen und kam vorübergehend noch in einem „Judenhaus“ in der Beethovenstraße 5 unter. Im Juni 1942 wurde Hilde Nathan mit ihren Eltern aber unabänderlich, diesmal von Deutz-Tief aus, nach Theresienstadt deportiert, wo sie als Arbeitssklaven alle drei wie durch ein Wunder überlebten und kurz vor Kriegsende von der russischen Armee befreit wurden.


 

Auch dieses zweite Foto wurde uns von der Synagogen-Gemeinde zur Veröffentlichung überlassen.

V. Schlussbemerkungen
In der Kriegszeit und davor schon mussten sich alle um sich selbst kümmern, fast jeder hatte mit eigenen Problemen zu tun. Gleichwohl stellt sich die Frage, warum nicht doch öfter ein Blick auf die verwandt wurde, denen es noch schlechter ging als einem selbst.
Gewiss, manche haben geholfen wie der Bauer Peter Filz sowie die Geistlichen von Sankt Vitalis, die wegen der Seelsorge zeitweilig ins Lager durften. Andere Helfer wurden eingangs schon erwähnt. Im Ganzen aber war es wohl nicht anders als sonst im Stadtgebiet. „Die Mehrheit schaute weg und ignorierte das sich vor aller Augen vollziehende Unrecht.“ Denn wie erklärt es sich, dass nur ganz wenige Einheimische das Lager gesehen haben, dass es keine Fotos davon gibt, dass nur ganz wenige das Heranschaffen Tausender wahrgenommen haben? Zu den Abtransporten gar äußert sich niemand.
Sicher handelt es sich dabei um einen Vorgang des Verdrängens, der unliebsame Ereignisse aus dem Erleben ausschließt; kaum jemand will an die schreckliche Zeit erinnert werden. Das erklärt vielleicht auch den distanzierten Ton des Seelsorgers Leo Ditges in der Pfarrchronik, geschrieben 1945/46, wo es heißt: „In dem Lager hinter Fort V waren bis zu 2500 Juden aus dem Bezirk Köln bis Aachen untergebracht. Die Katholischen kamen teilweise zum Gottesdienst in die Kirche. ... Im September waren sie alle abtransportiert.“ Auch die noch folgenden Details vermitteln nur eine schwache Vorstellung von den Zuständen im Lager. Es muss ferner erlaubt sein zu fragen, warum Pfarrer Ditges kaum etwas erzählt, über seine Besuche im Lager nicht gepredigt hat.
Nicht-wahrhaben-Wollen zeigt sich in folgendem Beispiel noch offenkundiger: Der Historiker Hans Clemens erwähnt in seinem von uns eigentlich geschätzten Buch „Müngersdorf im Spiegel der Geschichte“ Fort V und das Barackenlager. Während er die Verdienste der „vielen Stillen“ im Lande besonders hervorhebt, sieht er die Verantwortung ausschließlich in der Person Hitlers. Zuvor aber, ohne einen Zusammenhang herzustellen, heißt es in einem eigenen Kapitel: „In der Abgeschiedenheit des Landschaftsbereiches Stadion-Nordfeld-Grüngürtel befinden sich die Gärten des Kleingärtnervereins Waldfriede. Diese Bezeichnung verweist also mit Recht auf die ruhige und friedvolle Lage.“ Und so weiter. Es findet sich kein Wort dazu, dass an gleicher Stelle das Lager war, dass dieses schon 1947 abgerissen wurde. Der Platz als Ort des Leidens wird ausgeblendet.
Ungeklärt wird wohl auch bleiben, warum die Festung schon 1962 geschleift und erst 1981 die Gedenktafel angebracht wurde. Nicht zuletzt dem Bürgerverein hätte es angestanden, die Opfer des Lagers zu würdigen, viel früher noch als dies durch Erich Kock fünfunddreißig Jahre nach dem Krieg geschehen ist.
Mit der Zeit scheint sich größere Aufgeschlossenheit dem Thema gegenüber zu entwickeln sowie die Bereitschaft, Verantwortung für geschehenes Unrecht zu übernehmen. So sind persönliche Gespräche über das Thema leichter möglich, die Menschen öffnen sich zunehmend, auch wenn eigenes Verhalten, das der Eltern oder Großeltern damit hinterfragt wird. Darüber hinaus gibt es weitere Zeichen, die hoffnungsvoll stimmen, aber nicht alle genannt werden können. Besonders erwähnt werden muss indes, dass unsere Schulen sich des Themas immer wieder annehmen, und zwar schon seit Langem in Unterricht, Projekten und indem sie die Orte des abscheulichen Geschehens aufsuchen. Es soll ferner noch einmal gesagt werden, dass unsere Realschule den Namen von Ernst Simons trägt, einem Überlebenden des Konzentrationslagers Bergen-Belsen.
Damit ist die Richtung angezeigt. Es gilt vor allem, die jungen Menschen als der nachwachsenden Generation aufzuklären und ihr Mitgefühl zu wecken. Sie müssen lernen, sich emotional in andere zu versetzen und argumentativ sowie durch ihr Beispiel Vorurteilen entgegenzutreten, schon dann, wenn einer, weil er fremd ist, abgewertet wird. Noch spielen die Jüngsten unbefangen auf dem Dorfplatz und auf ihrem Walzenspielplatz – ganz in der Nähe der Stätte von Leid und Verzweiflung. Es ist nicht zu leugnen, dass sich aus der örtlichen auch die geistige Nähe ergibt.

Vollständiger Beitrag mit Quellenangaben im BlickPunkt 24

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