Ortsgeschichte | Bahnhof Belvedere

In zehn Minuten nach Müngersdorf

Stationsgebäude des Bahnhofs „Am Thürmchen“ in Rheinnähe um 1839

1839: Eröffnung der ersten Kölner Eisenbahn

 

Text: Ulrich Naumann

aus: BlickPunkt 24

Aus der Kölnischen Zeitung vom 23. Juli 1839 erfuhren die Leser, dass in wenigen Tagen so etwas wie der Beginn eines neuen Zeitalters bevorstehen würde. Die Rheinische Eisenbahn-Gesellschaft machte bekannt, dass „die hochlöbliche Königliche Regierung hieselbst die policeiliche Erlaubnis zu den Eisenbahnfahrten zwischen Köln und Müngersdorf nunmehr ertheilt hat“. Nach der für den 2. August anberaumten feierlichen Eröffnung sollte „die Bahn sodann vom Samstag, den 3. August dem Publicum zu Personenfahrten überlassen werden“.


Aller Anfang ist klein
Im Saal des Stationsgebäudes „Am Thürmchen“ nahe dem Rhein hielt Friedrich von Ammon als Präsident der Gesellschaft die Festansprache. Darin hieß es: „Aller Anfang ist klein und nur eine kleine Strecke der großen Bahn wird heute eröffnet… Heute führt die Freude unseren Zug, aber der Ernst wird ihn weiterführen, und die Wohlfahrt des Landes wird seinen Fersen folgen… Raum und Zeit verschwinden, ferner Länder Schönheiten treten uns nahe, Völker reichen sich brüderlich die Hand im Austausche dessen, was Natur und Industrie einem jeden Eigenthümliches geben.“ Ammon endete mit dem Ausruf „Vorwärts“.
Die Lokomotiven „Atlas“ und „Pluto“ führten „den Eröffnungszug aus zwei großen Diligencen (das waren Wagen der I. Classe), drei großen gedeckten Wagen und ebenso viel ungedeckten Wagen (resp. zu 48 und 60 Plätzen), im Ganzen mit 450 Personen. Unter Donner der aufgestellten Kanonen und dem jubelnden Zuruf der harrenden Menge wurde Müngersdorf in 10 Minuten erreicht“.


Haus und Park Belvedere
In Müngersdorf hatte die Bahngesellschaft einen „Belvedere“ angelegt: ein nobles Landhaus. Es war rechtwinklig zur Strecke gebaut, gestaltet und eingerichtet nach Geschmack des damaligen gesellschaftlich aufsteigenden Bürgertums. Das Obergeschoss war als Beletage ausgeführt. Von deren vorgebautem Balkon reichte der Blick auf die neue Bahnlinie bis nach Köln mit dem Kran auf dem unvollendeten Südturm des Doms als Fixpunkt. Von hier aus ließen sich auch besonders gut Ankunft und Abfahrt der ersten Züge bewundern.
Angefügt wurde ein parkartiger Restaurationsgarten mit einer langen, zur Bahn parallelen Pergola – ein Ort mithin wie geschaffen als Ausflugsziel, wo Speisen und Getränke genossen und gelustwandelt werden konnte.


Die ersten Betriebsmonate
Dem begeisterten Publikum stand die neue Attraktion ab dem 3. August 1839 zur Verfügung. Das ließ sich darauf ein, 42 Stunden-kilometer schnell zu fahren. Versuchsweise waren sogar 60 Stundenkilometer erreicht worden.
Die Gesellschaft rechnete mit Werbe-effekten auf zukünftige Finanziers, Fahr-gäste und Gütertransporteure. Zugleich sollte hier Eisenbahnpersonal den Umgang mit der neuen Technik üben.
Wochentags verkehrten, hin und zurück, vormittags zwei, nachmittags drei Züge. An Sonntagen waren es nachmittags vier. Eine einfache Bahnfahrt kostete zehn Silbergroschen (10 Euro) in der I. Classe, sechs in der II. Classe und vier in der III. Classe. Nur in den offenen Wagen der III. Classe, Ruß, Wind und Wetter ausgesetzt, durfte geraucht werden. Wer in einem solchen Wagen hin- und zurückfuhr, zahlte acht Silbergroschen. Soviel betrug der Tageslohn eines einfachen Bahnarbeiters.
 

Am 3. August wurden 1 310, an den ersten vier Tagen 5 036 und bis Ende November 52 115 Fahrgäste gezählt. Am Belvedere in Müngersdorf fanden, meist an Wochenenden, „Harmonien“ genannte Konzerte statt,  und in einer „dicht an der Bahn erbauten und eleganten Bude“ versprach ein Johann Röder, „den mich mit ihrem Besuche beehrenden Gästen mit gutem Baierisch Bier, Liquer, Caffe etc. bestens aufzuwarten“.
Damals mit der Rheinischen Eisenbahn zu reisen hieß sich einem gestrengen Reglement unterwerfen. Das „Versammlungslokal“ im Stationsgebäude konnte nicht ohne Billett, der Bahnsteig nach Glockenschlag erst fünf bis zehn Minuten vor Abfahrt betreten werden. Die Plätze im Zug wiesen „Schirrmeister“ an. Sie verschlossen danach die Wagen und nahmen als Bremser ihren Platz auf den Wagendächern ein.
1840 erreichte der Schienenstrang Lövenich; 1841 Aachen, denn der Königsdorfer Tunnel, für viele Jahre der längste auf dem europäischen Festland, war fertiggestellt.

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