Ortsgeschichte | Gedenkort Deportationslager | 2

Wider das Vergessen

Gedenkort Deportationslager
Köln-Müngersdorf 1941–1945

 

 

Bilder: Simon Ungers Nachlass / Bernd Grimm und Sven Röttger

 

Beitrag aus BlickPunkt 30

Mahnmal „Wall“ - Veranschaulichung von Ort und Kunstwerk, Animation, wie sie sich künftig darbieten sollen – erstellt von Bernd Grimm und Sven Röttger.

„Wall“ von Simon Ungers

Als Sophia Ungers den Nachlass ihres Bruders auf ein angemessenes Denkmal für den beschriebenen Ort am Walter-Binder-Weg hin sichtete, wurde schnell deutlich, dass die nun vorgeschlagene Stahlwand genau an diese Stelle gehört.
Das Ungers´sche Memorial wirkt durch seine Ausmaße in Verbindung mit dem gewählten Material: Übereinander geschweißte Doppel-T-Träger aus Cortenstahl bilden eine Wand mit mehreren Öffnungen. Das Kunstwerk steht so gleichsam für die rostbraunen Backsteinwände des Forts,von denen die Inhaftierten eingeschlossen wa-ren, sowie für die Eisenbahnschienen, auf denen unzählige Menschen in die Konzentrations- und Vernichtungslager transportiert wurden. Aussparungen in der „Wand“ mildern deren „Schwere“ und „Verschlossenheit“ zum Teil wieder ab. Sie vermitteln Hoffnung, indem sie Licht hindurchlassen und Möglichkeiten aufzeigen, die stählerne Barriere zu überwinden. Somit steht diese nicht ausschließlich für Leid und Schrecken, sondern darf zugleich auch als ein Zeichen der Hoffnung verstanden werden.


Entstehungsgeschichte
Simon Ungers hat sich intensiv mit der Geschichte des Holocaust befasst. 1995 gewann sein Wettbewerbsentwurf zum „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ in Berlin unter 2.500 Einreichungen einen der zwei ersten Preise. Sein Modell sah ein 85 mal 85 Meter großes, von Stahlträgern umgebenes Plateau vor. Aus den Stahlträgern waren die Namen der größten Konzentrationslager so herausgestanzt, dass die Schriftzüge von außen spiegelbildich erschienen und erst mit Betreten der inneren Plattform zu lesen waren. Leider wurde der Entwurf – wohl aus politischen Gründen – nicht realisiert und stattdessen ein weiterer Wettbewerb ausgelobt. Auch an diesem nahm Simon Ungers teil, diesmal mit einer überarbeiteten Version seiner ersten Arbeit. Eine andere Weiterentwicklung des Entwurfs entstand wiederum anlässlich des Wettbewerbs für die Gedenkstätte „Topographie des Terrors“ in Berlin.


 

Die Skulptur für Müngersdorf greift Gedanken aus den vorangegangenen Entwürfen auf. Sie ist somit die Abstraktion der beiden für Berlin vorgeschlagenen Denkmäler für die ermordeten Juden Europas und richtet sich gegen rassistische, antisemitische Ausgrenzung und willkürlichen Freiheitsentzug.


Zur Biografie des Architekten und Künstlers Simon Ungers
Der Architekt und bildende Künstler Simon Ungers ist international bekannt für seine grenzüberschreitenden Arbeiten, die an der Schnittstelle von Architektur und Kunst agieren. Seine Werke befinden sich u.a. in den Sammlungen des Museum of Modern Art, New York, und des San Francisco Museum of Modern Art. Beide Häuser haben Ausstellungen zum Werk von Simon Ungers gezeigt. 2008 widmete ihm das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt am Main die umfangreiche Schau „Heavy Metal“. Zudem gestaltete Simon Ungers 1998 vor der Bibliothek der Universität zu Halle einen Platz, im Triotop Gewerbepark in Köln ist die Bimsstein-Arbeit „Forum“ installiert, und im Skulpturenpark Köln war die Lichtskulptur „Monolith“ zu sehen. Der Baumeister und Skulpteur war von 1981 bis 1986 Professor an der Syracuse University, Syracuse NY, und von 1988 bis 1992 Professor am RPI in Troy, NY. Ferner lehrte er im Rahmen mehrerer Gastprofessuren an der Harvard University in Cambridge, Mass., und der Cornell University in Ithaca, NY.
1957 in Köln geboren, studierte Ungers Architektur an der Cornell University; dort begann auch seine Karriere als Architekt. Schon in jungen Jahren gewann er Wettbewerbe und Preise für seine Entwürfe. Der Bau des T-House in Wilton, NY, in den Jahren 1990 bis 1992 – ein skulpturales Wohnhaus mit Bibliothek, dessen Äußeres aus Corten-stahl, das Innere hingegen aus Holz gebildet ist – machte ihn international bekannt. Ende der 1980er-Jahre zog es Simon Ungers nach New York, wo er begann, auch als bildender Künstler zu arbeiten. 1999 kehrte er nach Köln zurück, um intensiv an seinen Entwürfen zu arbeiten.

Weg des Gedenkens
Mit der Ungers-Skulptur hatte der Bürgerverein nach langjähriger Suche endlich den Entwurf für ein neues würdigeres Denkmal am Platz des ehemaligen Deportationslagers im Grüngürtel gefunden. Nach Zustimmung der Mitgliederversammlung haben wir das Gespräch mit dem NS-Dokumentationszentrum gesucht und von dort entscheidende  Anregungen für unser Vorhaben und das weitere Vorgehen erhalten. So sollte am Gedenkort vor allem deutlich erkennbar sein, dass das Lager sich an zwei Stellen, dem Fort und in den Baracken, befunden hatte.
Um das zu erreichen, entwickelte Sophia Ungers nach Beratungen mit Professor Bernhard Korte, einem bekannten Landschaftsplaner, und Diplom-Designer Bernd Grimm vom Simon Ungers Nachlass einen „Weg des Gedenkens“. Dieser stellt symbolisch den Zusammenhang zwischen den beiden, gut 200 Meter voneinander entfernten Bereichen des Deportationslagers her. Seine Gestaltung mit rostroten Ziegeln erinnert an die Backsteinmauern des Forts. Der so gepflasterte „Weg im Weg“ soll in einer Breite von 74 Zentimetern von der Skulptur Wall aus nach Norden hin schräg über den Walter-Binder-Weg zum Standort des ehemaligen Barackenlagers, der heutigen Kleingartenanlage „Waldfriede“, führen.
Am Beginn der Wegstrecke, an ihrem Endpunkt sowie an der Abbiegung zu den einstmaligen Baracken sind aus Ziegeln gemauerte Quader mit eingearbeiteter Edelstahlplatte geplant. Auf diesen werden Texte und Grafiken Informationen zur Geschichte des Ortes sowie zur Skulptur und zum Künstler vermitteln. Inschriften und Bildlegenden sollen auch ins Englische übersetzt werden, damit im Ausland lebende Angehörige, die großes Interesse an Besuchen vor Ort haben, sich informieren können. Um sicherzustellen, dass die erklärenden schriftlichen Hinweise dem neuesten Forschungsstand entsprechen, sollen diese vom NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln erarbeitet werden.


Viel Zuspruch für den Vorschlag Gedenkort Deportationslager
Mit den vorliegenden Plänen und Vorschlägen für den Gedenkort Deportationslager am Walter-Binder-Weg haben wir uns zunächst an Doktor Joachim Bauer, den stellvertretenden Leiter des Grünflächenamtes, gewandt. Er billigte und förderte unsere Überlegungen und hält sie als Vertreter der Stadt an der vorgesehenen Stelle im Äußeren Grüngürtel auch für realisierbar. Weitere Gespräche haben wir unter anderem mit dem Amt für Denkmalpflege sowie Professor Jürgen Wilhelm, dem Vorsitzenden der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, wie auch mit dem Vorsitzenden des Kunstbeirates, Kay von Keitz, geführt und von allen Seiten regen Zuspruch erhalten.
Schließlich hatten wir das große Glück, unser Anliegen gemeinsam mit Doktor Werner Jung, dem Direktor des NS-Dokumentationszentrums, Frau Oberbürgermeisterin Henriette Reker persönlich zeigen und erläutern zu dürfen und fanden deren uneingeschränkte Zustimmung. Oberbürgermeisterin Reker versicherte uns zudem in einem Brief, sie sehe die Stadt Köln in der Pflicht, uns zu unterstützen. Schließlich haben wir das Vorhaben im Mai dieses Jahres bei einem Pressegespräch der Öffentlichkeit ausführlich vorgestellt.
Nun hoffen wir, dass wir mit dem Entwurf für den „Gedenkort Deportationslager Köln-Müngersdorf 1941-45“ auch die politischen Gremien überzeugen können und die Zustimmung des Stadtrats zu seiner Verwirklichung erhalten. Außerordentlich erfreulich wäre es, wenn unser Anliegen wegen seiner gesamtstädtischen Bedeutung von allen Rats-Fraktionen mitgetragen würde.
Wir sind uns darüber im Klaren, dass  auch ein Gedenkort, wie wir ihn vorschlagen, nur ein äußerst schwacher Nachhall des tatsächlichen  historischen Geschehens sein kann. Keine Form des Gedenkens kann die unfassbaren Leiden so vieler Unschul-diger angemessen würdigen. Doch zumin-dest möchten wir den Opfern, die nicht einmal alle namentlich bekannt sind, eine Stimme verleihen; wir möchten das Bewusstsein für ein unfassbares verbrecherisches Geschehen wachhalten und zeigen, wohin Ausgrenzung und Entrechtung führen können. Das scheint uns gerade jetzt, wo es nur noch wenige Zeitzeugen gibt, sehr wichtig zu sein.
Wie lässt sich das durchaus kostspielige Vorhaben finanzieren? Sophia Ungers hat sich bereit erklärt, den Entwurf ihres Bruders für das Mahnmal zu stiften. Damit ist eine erste hohe Hürde genommen; es ist ein sehr großzügiges Versprechen, für das sich der Bürgerverein heute schon sehr herzlich bedanken möchte. Die verbleibenden Kosten zur Anfertigung des Kunstwerks, den Bau der Infoquader sowie für den Weg des Gedenkens werden insgesamt rund 150.000 Euro betragen. Der Bürgerverein hofft, einen Teil davon als Spenden akquirie-ren zu können, wünscht sich aber im Stillen auch, dass die Stadt sich wegen der Bedeutung des Gedenkortes für ganz  Köln an den Kosten beteiligt.

 

Wider das Vergessen

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Dokumentation geplant
Kurt Schlechtriemen hat eine ausführliche Dokumentation zu den Leiden der Opfer des Nationalsozialismus in unserem Stadtteil erstellt. Es werden die Zustände im Lager geschildert und die ergreifenden Schicksale vieler Menschen, auch von Müngersdorfern, beleuchtet.
Wir möchten die Schrift als Broschüre noch dieses Jahr veröffentlichen und hoffen sehr, dafür einen Zuschuss von der Bezirksvertretung zu erhalten.

Ein weiterer Beitrag aus BlickPunkt 24

Das Judenlager im Äußeren Grüngürtel
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Kirchenhof 4
50933 Köln

 

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